Von Wien bis Innsbruck
Der Queere Kreuzweg „Fluchtweg“ im Rückblick
Während der Fastenzeit 2026 wurde mit dem Queeren Kreuzweg „Fluchtweg“ ein eindrucksvolles ökumenisches Projekt in mehreren österreichischen Städten umgesetzt. Den Auftakt bildete die Uraufführung am 26. Februar in der Wiener Votivkirche mit über 250 Teilnehmenden und rund 30 Mitwirkenden. In den darauffolgenden Wochen wurde der Kreuzweg in Linz, Graz und schließlich auch in Innsbruck weitergeführt – sowohl als performative Inszenierung als auch in Teilen als individuell begehbare Installation.
Im Zentrum des Projekts standen biografische Zeugnisse queerer Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität ihre Heimat verlassen mussten. Aus ihren berührenden und erschütternden Geschichten entstanden fiktive Telefoninterviews und Berichte, die als Tonaufnahmen in den Kirchenräumen widerhallten.
Als Installation in Innsbruck waren die Stationen über QR-Codes abrufbar und bestanden größtenteils aus Audiodateien. Daher wurden Kopfhörer empfohlen, um die Inhalte intensiv erleben zu können. Während der Öffnungszeiten der jeweiligen Kirchen konnte der Kreuzweg individuell begangen werden; für Gruppen wurden zudem geführte Besuche angeboten.
Herzstück der Inszenierung waren Musik, Gesang und Luftakrobatik, die eigens anhand der persönlichen Fluchtgeschichten choreografiert wurden. „Man spürt hier die transformative Kraft von Gemeinschaft – dieses einander Sehen und Gesehen-Werden, Halten und Getragen-Werden. Eine Kraft, die unabhängig vom religiösen Hintergrund wirkt und Räume verwandelt“, so beschreibt Anson Samuel, Leiter des Projekts, seine Eindrücke nach der Uraufführung in Wien.
Eine der Fluchterzählungen schildert eine gefährliche Reise über Serbien: Zehn Menschen, zusammengepfercht in einem Taxi, voller Angst, teilen sich eine einzige Flasche Wasser. „Die ganze Situation ist so beängstigend, so fürchterlich, dass ich es nicht in Worte fassen kann: wie wir uns die Flasche aus den Händen reißen, nur um einen einzigen Schluck Wasser zu bekommen“, berichtet der queere Mann, der für den Kreuzweg interviewt wurde und dessen Geschichte eingespielt wurde.
Die Künstlerin Alina Scharbl gehört zu den Performer:innen, die – zusammen mit Choreograf Ariel Uziga – diesen Geschichten eine visuelle Form gaben. In einer Szene verkörpert sie die Flucht einer lesbischen Frau, die sich in Beirut befindet und ihre beste Freundin anruft: „Ich habe alles verlassen. Ich habe dich verlassen, meine Mutter, mein Zuhause.“ Die wacklige Stimme in der Tonaufnahme erzählt davon, dass sie Angst hat, in Österreich Asyl zu beantragen. Sie weiß nicht, ob sie es schafft, zu sagen, dass sie queer ist. „Ich übe die Worte immer wieder in meinem Kopf und stelle mir vor, wie ich vor Fremden sitze. Fremden. Die Leute erklären mir alles, mein Leben. Es ist, als würde mein Leben wie ein Fall behandelt, verstehst du? Wie erklärt man ihnen Angst? Wie erklärt man Liebe, wenn sie als Verbrechen oder Schande gilt? (…) Ich habe Angst, dass sie mich für nicht normal halten. Aber gleichzeitig beschützen sie mich vielleicht.“
Zu diesen beklemmenden und gleichzeitig hoffnungsvollen Worten bewegt sich Alina Scharbl durch die Luft – scheinbar schwebend, getragen nur von ihren Luftakrobatikbändern. Die Faszination und Ergriffenheit unter den Teilnehmenden waren spürbar.
Dabei war es jedoch nicht einfach nur eine künstlerische Aufführung. Die Akrobat:innen wurden als Mittler:innen wahrgenommen: Nicht die Performance selbst stand im Vordergrund, sondern die realen Geschichten der geflüchteten Menschen.
Auch für die Mitwirkenden selbst war das Projekt prägend. Die Künstlerin beschreibt den Prozess so: „Diesem Schmerz und dieser Hoffnung eine sichtbare Form zu geben ist eine sehr intensive und emotionale Arbeit, die mich jedoch wahnsinnig erfüllt, wenn ich damit auch andere Leute erreichen kann. Durch das Zusammenspiel der Texte, der Musik und der Performance konnten wir das ausdrücken, wo Worte allein oft nicht genügen.“
Eine weitere Fluchterzählung ist ebenfalls sehr berührend: Ein trans Mensch, der auf seiner Flucht in Istanbul landet, ruft seine Mutter an. Die schlimmen Erlebnisse auf der Flucht und die Erfahrungen der Transition belasten ihn sehr. Er sehnt sich seine Mutter an seine Seite, die mit ihm Tee trinkt und zu ihrem Sohn sagt, dass alles okay ist, obwohl sie ihm bei seinem Coming-out gestand: „Ich liebe dich, aber ich weiß nicht, wie ich diesen Teil von dir lieben soll.“
Im Laufe des Kreuzwegs wurden die Teilnehmenden selbst aktiv: Sie beschrifteten Teebeutelbanderolen mit mutmachenden Worten, die anschließend untereinander ausgetauscht wurden. Am Ende gab es heißen Tee aus bunt gestalteten Reisetassen zum Mitnehmen und Zeit für Austausch. Viele Menschen blieben noch lange, kamen ins Gespräch und ließen das Erlebte nachwirken.
Die Rückmeldungen machten deutlich, wie tiefgehend die Erfahrung war. Einer sagte: „Ich habe mehrmals Tränen in den Augen gehabt, ich war sehr berührt von den Geschichten, der Musik, dem Tanz. Danke für euren Mut, das zu organisieren – trotz der Widerstände, die ihr immer wieder erlebt.“ Und eine andere Teilnehmerin lobte das multimediale Gesamtkonzept: „Wenn man auf so vielen Ebenen angesprochen wird, kann man gar nicht anders als hinhören, hinsehen und mitfühlen.“
Das Vorbereitungsteam verfolgte mit dem Queeren Kreuzweg das Ziel, Erfahrungen von Schmerz, Leid und Verzweiflung ebenso sichtbar zu machen wie Hoffnung und Auferstehung. „Queere Menschen fliehen nicht aus Selbstverwirklichung, sondern aus Angst. Ihr Mut, ihre Verletzlichkeit und ihre Hoffnung begegnen uns unter dem Kreuz – dort, wo jede menschliche Erfahrung Platz hat“, beschreibt Anson Samuel das Anliegen des Kreuzwegs.
Am Ende jedes Queeren Kreuzwegs wurde das Leben selbst gefeiert – mit Musik, Gesang und gegenseitiger Wertschätzung in Form von Dank und Solidarität.
Der Queere Kreuzweg richtete sich an Menschen aller Generationen – aus kirchlichen Gemeinden ebenso wie an Suchende und Interessierte. Der besondere künstlerische Zugang ermöglichte es, Sprach- und Kulturbarrieren zu überwinden. Dass das Projekt nach Wien auch in Linz, Graz und Innsbruck umgesetzt wurde, unterstreicht seine überregionale Wirkung.
Initiiert wurde das Projekt von Ehrenamtlichen in Zusammenarbeit mit Hauptamtlichen aus mehreren evangelischen und römisch-katholischen Diözesen. Mit dem Ende der Fastenzeit ist dieser Durchgang des Queeren Kreuzwegs abgeschlossen.
Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorne: Für September ist eine Schöpfungsfeier geplant, die in mindestens drei Diözesen (Wien, Linz und Graz) stattfinden soll und erneut Räume für gemeinschaftliches Erleben, spirituelle Vertiefung und gesellschaftliche Fragen eröffnen möchte.
Fotos: © kjoö, Judith Gramm, Elisabeth Fritzl/Dioezese Graz-Seckau, Christina Mair/Diözese Innsbruck





