Queere Vielfalt in der Arbeitswelt
Angriffe in Amerika – Mutmacher in Europa
Vor fünf Jahren veröffentlichte Jens Schadendorf sein mittlerweile als ikonisch geltendes Werk „GaYme Changer. How the LGBT+ Community and their Allies are Changing the Global Economy“. Es war für diverse Preise nominiert und ist in vier Sprachen erschienen. Gerade hat er sein neues Buch publiziert. Höchste Zeit, ausführlicher mit dem in München lebenden Ökonomen, freien LGBTQ+-Forscher und Autoren zu sprechen.
Jens, in deiner Arbeit konzentriert du dich darauf, die Entwicklungen rund um LGBTQ+-Inklusion in Wirtschaft und Gesellschaft besser zu verstehen und sie insgesamt voranzubringen. Warum?
Unternehmen – und auch andere Arbeitgebende – spielen eine bedeutende Rolle bei der Förderung von LGBTQ+-Inklusion. Arbeitsplätze sind ja nicht nur wirtschaftliche Institutionen. Sie sind auch soziale Räume, in denen Werte und Normen geprägt, Chancen ermöglicht und insofern wichtige Zukunfts- und Lebensfragen verhandelt werden – für den Unternehmenserfolg relevante, gesellschaftliche und individuelle. Ein Beispiel: Über die Auswahl ihrer Führungskräfte und Mitarbeitenden, über ihre Firmenrichtlinien und -kulturen bestimmen Unternehmen maßgeblich mit, wer Zugang zu Einkommen, Sicherheit und beruflicher Entwicklung bekommt – und wer nicht.
Der Titel deines gerade erschienenen neuen Buches lautet „Der bedrohte Regenbogen Wie Unternehmen und Gesellschaft Vielfalt schützen können und von ihr profitieren”. Warum hast du es geschrieben?
Ich beschäftige mich seit fast fünfzehn Jahren mit dem Zusammenwirken von queerer Community und Wirtschaft. Die meiste Zeit gab es dazu in vielen Teilen der Welt überwiegend Positives zu berichten. Seit Kurzem aber bläst der Förderung klug gemanagter Vielfalt, Teilhabe und Chancengleichheit ein scharfer Wind entgegen. Auch das gesellschaftliche Klima verändert sich. Ökonomisch, politisch und ethisch betrachtet ist das eine gefährliche Entwicklung. Darauf musste ich reagieren – um ihr etwas entgegenzusetzen.
Worum geht es in dem Buch?
Forschung und ökonomische Wirklichkeit haben längst gezeigt: Moderne Unternehmen und und Gesellschaften brauchen Diversity – also Vielfalt, Teilhabe und Chancengleichheit. Sie stärkt nicht nur Fairness und ist menschenrechtlich geboten. Sie stärkt auch Innovation, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Seit ihrem Amtsantritt aber attackiert die US-Regierung gezielt die Diversity-Förderung in der Arbeitswelt und nimmt dabei besonders die queere Community ins Visier. Damit greift sie nicht nur Eckpfeiler friedlichen demokratischen Miteinanders an, sondern ebenfalls die Basis für wirtschaftlichen Erfolg. In meinem Buch analysiere ich zunächst kompakt die diese Entwicklung antreibenden Akteure, Narrative und Dynamiken. Dabei wird klar: Bis auf Weiteres haben wir zu akzeptieren, dass die USA vom unangefochtenen Anführer in Sachen Diversity und queerer Inklusion in Wirtschaft und Gesellschaft zum machtvollen Bremser geworden sind.
Gegenwind gibt es allerdings auch hier, in Europa – etwa durch stärker werdende rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien, mehr Hasssprache im Netz, Gewalt gegen queere Menschen, Angriffe auf Pride-Paraden und anderes.
Natürlich. Trotzdem ist es zugleich ermutigend, was in Europas Unternehmenswelt geschieht. Nicht überall, aber insgesamt doch deutlich – jedenfalls wenn man genau hinschaut. Davon handelt der weitaus größte Teil des Buches. Natürlich sind auch bei uns operierende Unternehmen durch die Entwicklungen in den USA sensibilisiert, wenn nicht alarmiert. Das gilt besonders für LGBTQ+-Engagements. Gleichzeitig aber entwickeln sich diese Engagements entlang eines anderen Pfades als jenseits des Atlantiks. Zum einen wird Bewährtes auf dem Alten Kontinent in sehr vielen Fällen nicht einfach entsorgt, auch wenn es vielfach weniger extern sichtbar ist. Darüber hinaus entstehen neue Initiativen, oft etwas abseits vom weithin Sichtbaren.
Konkret?
Beispiele finden sich in vor allem im westlich geprägten Europa, aber auch in Mittel-Osteuropa, etwa, für manche überraschend, in Polen. Ihre Hintergründe beleuchte ich, ihre Geschichten erzähle ich. Etwa zu Unternehmen wie Audi, Beiersdorf, BNP Paribas, Deutsche Bank, Henkel, Ikea, ING, MSD, Otto, PwC, Sandoz, Raiffeisenbank International oder Vienna Insurance Group/Wiener Städtische Versicherung.
Auch zivilgesellschaftliche Organisationen an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und LGBTQ+-Community spielen dabei eine wichtige Rolle. Dazu gehören etwa die niederländische Workplace Pride Foundation, das Swiss LGBTI Label, die deutsche Stiftung Prout at Work, in Wien beheimatete Plattformen wie Pride Biz Austria und East Meets West oder das schnell wachsende European Pride Business Network.
Gemeinsam bilden all diese Akteure und einige andere – darunter auch staatliche – ein durchaus heterogenes Ökosystem. Es prägt einen flexiblen, demokratischen Werten verpflichteten europäischen Ansatz der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und der LGBTQ+-Community. Dabei verbindet es auf Langfristigkeit ausgerichteten ökonomischen Pragmatismus mit gesellschaftlicher Verantwortung – und bringt auf diese Weise trotz eines schwieriger gewordenen Umfelds LGBTQ+-Inklusion in Wirtschaft und Gesellschaft weiterhin voran.
Also alles positiv?
Ich bin nicht naiv. Wir leben in herausfordernden Zeiten. Einige sprechen gar vom Eintritt in ein neues, sehr gefährliches Zeitalter. Natürlich habe auch ich keine Glaskugel. Klar ist aber wohl, dass die ökonomische Gesamtsituation bis auf Weiteres schwierig bleibt. Auch LGBTQ+-Inklusionsanstrengungen werden nicht leichter werden. Es ist daher klug, keine Wunder zu erwarten, und zugleich einige Konzepte rund um Vielfalt und LGBTQ+-Engagements neu zu denken und auch sonst kreativ zu sein. Im Übrigen glaube ich, bestärkt durch meine langjährige Arbeit und die Arbeit an „Der bedrohte Regenbogen“, dass Liane Hirner, Finanz- und Risikovorständin der Vienna Insurance Group, Recht hat.
Inwiefern?
In einem Interview, das sich in meinem Buch wiederfindet, sagte sie, wie ich finde, etwas sehr Treffendes: „Aktivitäten rund um Diversität und Inklusion – und als Teil von ihnen auch LGBTQ+-Engagements – sind gekommen, um zu bleiben. Jedenfalls im westlich geprägten Europa, wozu auch Österreich gehört. Alles hat seine Zeit. Diversität und Inklusion gehören in diesem Teil des Kontinents zu unserer Zeit.”
Jens Schadendorf: „Der bedrohte Regenbogen. Wie Unternehmen und Gesellschaft Vielfalt schützen können und von ihr profitieren“, Verlag Herder Freiburg/Basel/Wien, 2026, 288 Seiten, Klappenbroschur, € 24,70




