Kunst & Kultur
„Ich habe mich nicht geoutet, um leise zu sein“
In seiner Linolschnitt-Serie DRAW kehrt der Zürcher Künstler ego andaluz zu den Tagen vor seinem Coming-out zurück – zu Angst, Verstecken und dem Moment, in dem ein verborgenes Leben nicht mehr möglich war.
Mit 30 outete sich ego andaluz. Zu diesem Zeitpunkt war der schwule Schweizer Künstler bereits seit drei Jahren mit seinem heutigen Partner zusammen – doch seine Familie wusste nichts von der Beziehung. Was damals enorme Energie für Ausreden, Kontrolle und Verstecken erforderte, fließt heute in seine Kunst.
In der dreiteiligen Linolschnitt-Serie DRAW kehrt ego andaluz zu jener Zeit unmittelbar vor seinem Coming-out zurück. Nicht zum befreienden Moment danach, sondern zu dem Zustand, in dem das Verstecken unerträglich geworden war, während Wahrheit und Sichtbarkeit noch immer gefährlich erschienen.
„Ich habe mich nicht geoutet, um leise zu sein. Die ganze Energie, die ich früher ins Verstecken gesteckt habe, fließt heute in meine kompromisslose schwule Kunst.“
Drei Jahre in zwei verschiedenen Leben
Die Beziehung zu seinem Partner existierte zunächst nur in einem begrenzten Teil seines Lebens. In der eigenen Wohnung waren sie ein Paar. Gegenüber der Familie verschwand die Beziehung.
Das Verstecken bestand dabei nicht aus einer einzigen großen Lüge, sondern aus unzähligen kleinen Entscheidungen: Was darf ich erzählen? Wen darf ich erwähnen? Mit wem darf man mich sehen? Welche Version meines Lebens muss ich heute spielen?
Sein Partner setzte ihn nie unter Druck. Er stellte kein Ultimatum und verlangte keine Entscheidung. Doch mit der Zeit erkannte er, dass es nicht mehr allein um seine eigene Angst ging. Indem er sich selbst schützte, verlangte er gleichzeitig von dem Menschen, den er liebte, unsichtbar zu bleiben.
„Irgendwann fragte ich mich nicht mehr, ob ich für ein Coming-out bereit war. Ich fragte mich, wie lange ich von dem Menschen, den ich liebe, noch verlangen konnte, für meine Familie nicht zu existieren.“
Aus Angst wurde eine Frage der Fairness. Gleichzeitig stellte sich ego andaluz die möglichen Folgen drastisch vor. Er glaubte, sich zwischen seinem Partner und seiner Familie entscheiden zu müssen. Schließlich war er bereit, diesen Preis zu bezahlen.
„Ich dachte: Wenn ich dadurch alle verliere, dann verliere ich alle. Ich konnte nicht länger den Menschen verstecken, den ich liebte, nur damit mein bisheriges Leben unverändert blieb.“
Das erste Gespräch
Er begann dort, wo es ihm am schwersten fiel: bei seiner Mutter.
Ihre Reaktion bestand nicht aus perfekt vorbereiteten Sätzen. Sie sagte, dass sie mit dem Thema bisher kaum konfrontiert gewesen sei. Sie hatte Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, machte aber gleichzeitig deutlich, dass sie lernen wollte.
Zwei Wochen später stellte sie klar: „Entweder du sagst es deinem Vater, oder ich. Aber einer von uns macht es. Ich habe keine Geheimnisse vor ihm.“
An einem Sonntag ging er früher zu seinen Eltern, bevor seine drei Brüder zum gemeinsamen Essen kamen. Er setzte sich im Wohnzimmer neben seinen Vater. Erst dort bemerkte er, dass seine Mutter ihm gefolgt war. Sie setzte sich zu ihnen und nahm seine Hand.
Dann sagte er seinem Vater, dass er einen Mann liebe.
Nach einem Moment der Stille antwortete dieser: „Egal, ob du einmal etwas sehr gut machst oder einmal etwas sehr schlecht. Egal, ob du erfolgreich bist oder krank wirst. Du bist mein Sohn, und nichts kann an meinen Gefühlen zu dir rütteln.“
Er begann zu weinen. Auch von seiner Mutter fiel die Anspannung ab. Beide hatten eine Reaktion gefürchtet, die nicht kam.
Seinen Brüdern erzählte er später während einer Familienreise nach Kopenhagen von seiner Beziehung. Sie reagierten so selbstverständlich, dass sie seinen Partner sofort kennenlernen wollten. Danach folgten seine engsten Freunde. Auch sie blieben.
„Ich hatte allen zugetraut, mich zu verlassen. Was ich unterschätzt hatte, war ihre Liebe zu mir.“
Von da an musste die Beziehung nicht länger in der Wohnung verborgen bleiben. Sein Partner wurde Teil von Reisen, Freundschaften und Familienfesten. Aus einem sorgfältig verwalteten Geheimnis wurde ein gemeinsames Leben.
Ein zweites Coming-out
Kunst machte ego andaluz schon lange, bevor er sie öffentlich zeigte. Der in der Schweiz geborene Sohn eines spanischen Vaters und einer portugiesischen Mutter studierte Soziologie. In seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt er sich mit Männlichkeit, schwulem Begehren und der Frage, nach welchen gesellschaftlichen Codes Körper beurteilt werden.
Im Zentrum steht der schwule männliche Körper – nicht als neutrale Schönheit und nicht als gefälliger Akt. Seine Figuren begehren, kämpfen, zweifeln, posieren und zeigen Verletzlichkeit. Entscheidend ist dabei die Perspektive: Diese Männer werden nicht von außen beobachtet, sondern aus einem schwulen männlichen Blick heraus dargestellt.
Es interessiert ihn, wie schnell sich die Wahrnehmung eines Körpers verändert. Ein nackter Mann kann als klassische Schönheit gelten. Wird jedoch sichtbar, dass er einen anderen Mann begehrt, erscheint derselbe Körper plötzlich als sexuell oder provokant.
Seine spanischen und portugiesischen Wurzeln fließen ebenfalls in die Arbeiten ein. Körperliche Direktheit, die er mit Andalusien verbindet, trifft auf eine leisere, melancholische Seite des portugiesischen Alentejo und auf die Präzision und Zurückhaltung seiner Schweizer Biografie.
Über Jahre arbeitete er im Privaten. Die Schwierigkeit bestand nicht darin, Kunst zu machen, sondern darin, die eigenen Bilder, das eigene Begehren und den Anspruch, Künstler zu sein, öffentlich sichtbar werden zu lassen.
Als er seine Arbeiten 2025 erstmals konsequent zeigte, fühlte sich dieser Schritt deshalb wie ein zweites Coming-out an.
„Beim ersten Coming-out habe ich gezeigt, wen ich liebe. Beim zweiten habe ich gezeigt, wie ich sehe.“
Seitdem wurden seine Arbeiten in Zürich, Berlin und Barcelona präsentiert und fanden ihren Weg zu Sammlern in mehreren Ländern.
DRAW bleibt vor dem Happy End stehen
Mit DRAW richtet er seine Bildsprache erstmals unmittelbar auf seine eigene Coming-out-Geschichte. Die Serie besteht aus den Arbeiten Break, Contested und Reach. Alle drei zeigen denselben Menschen in unterschiedlichen Stadien eines inneren Konflikts.
Das spätere gute Ende spielt bewusst keine Rolle. Als er die Serie schuf, wusste er längst, dass seine Familie ihn nicht verstoßen hatte. Doch sein früheres Ich konnte das vor dem Coming-out nicht wissen.
Während der monatelangen Arbeit versuchte er deshalb, dieses spätere Wissen auszublenden und zu dem körperlichen und emotionalen Zustand von damals zurückzukehren.
„Ich wollte keine schöne Geschichte über meinen Mut erzählen. Ich wollte ehrlich zeigen, wie wenig Mut ich damals empfand.“
Auch der Titel DRAW trägt mehrere Bedeutungen. To draw bedeutet zeichnen – und mit einer Zeichnung beginnt jeder seiner Linolschnitte. A draw bezeichnet ein Unentschieden, bei dem keine Seite endgültig gewinnt. Und to draw something out kann bedeuten, etwas hervorzuholen, das lange verborgen war.
Break: Wenn Stillhalten unmöglich wird
In Break stemmt sich ein Mann mit aller Kraft gegen zwei unsichtbare Wände. Sein Körper ist verdreht und angespannt. Er versucht, aus einem Raum auszubrechen, dessen Grenzen im Bild nicht sichtbar sind.
Heute weiß er, dass diese Wände nicht so existierten, wie er sie sich vorgestellt hatte. Seine Familie liebte ihn, die befürchtete Katastrophe trat nicht ein. Doch die Figur in Break besitzt dieses Wissen nicht.
Der entscheidende Moment ist deshalb noch nicht die Befreiung. Neu ist lediglich, dass Stillhalten nicht mehr möglich ist.
„Die Angst ist nicht verschwunden. Sie reicht bloß nicht mehr aus, um den Körper an seinem bisherigen Platz zu halten.“
Contested: Zwei Seiten derselben Person
Contested zeigt zwei männliche Figuren in einem körperlichen Kampf. Beide wirken stark, einen eindeutigen Sieger gibt es nicht.
Die eine Seite hat gelernt, durch Schweigen, Anpassung und Unsichtbarkeit Sicherheit herzustellen. Die andere verlangt nach einem Leben, das nicht länger in verschiedene Wahrheiten geteilt werden muss.
Keine der Figuren steht für ein falsches Ich. Beide gehören zur selben Person.
„Coming-out ist kein sauberer Schnitt zwischen einem falschen und einem wahren Ich. Auch die Version von mir, die sich versteckte, versuchte zu überleben.“
Der Kampf findet deshalb nicht zwischen Wahrheit und Lüge statt, sondern zwischen zwei Überlebensstrategien – von denen eine nicht mehr weiterführt.
Reach: Einen Millimeter vor der Berührung
In Reach ist der Kampf vorbei. Zwei Figuren schweben in einem Raum ohne erkennbaren Boden. Ihre Fingerspitzen liegen nur einen Millimeter auseinander.
Die eine trägt Gewohnheiten, Kontrolle, Angst und vertraute Schutzmechanismen in sich. Die andere steht für eine Zukunft, die bereits sichtbar wird, aber noch keine feste Gestalt besitzt.
Es gibt keine Umarmung, nicht einmal eine vollständige Berührung. Nur die Möglichkeit eines ersten Kontakts. Keine Seite hat gewonnen, keine wurde ausgelöscht.
„Die Serie endet nicht mit einer Umarmung. Sie endet einen Millimeter davor. Mehr Sicherheit hatte ich damals nicht.“
Damit endet DRAW genau dort, wo das Coming-out beginnt. Die Figuren kennen weder die spätere Erleichterung noch die Reaktion der Familie.
„Ich kenne das Ende. Die Männer in DRAW kennen es nicht.“
Linolschnitt als Teil der Geschichte
Dass ego andaluz für DRAW den Linolschnitt wählte, ist nicht nur eine technische Entscheidung. Beim Schneiden wird Material unwiderruflich entfernt. Eine falsche Linie lässt sich nicht löschen. Jeder Schnitt bleibt.
„Ich mag am Linolschnitt, dass er nichts verzeiht. Es gibt keine Rückgängig-Taste und keinen Filter.“
Auch der Druck selbst ist körperlich. Er arbeitet dabei ohne Druckpresse. Die zwei Farbschichten der 60 × 80 Zentimeter großen Motive druckt er von Hand auf 70 × 100 Zentimeter große Papierbogen. Dabei setzt er Hände, Muskeln und Körpergewicht ein.
Kleine Verschiebungen, ungleichmäßige Farbflächen und Unterschiede zwischen den Exemplaren werden bewusst nicht verborgen. Sie machen sichtbar, dass hinter jedem Druck ein Mensch und ein tatsächlicher Arbeitsprozess stehen.
Eine Kunst, die sich nicht entschuldigt
Die Männer in den Arbeiten von ego andaluz sind nackt, muskulös, begehrend, verängstigt oder ineinander verkeilt. Sie dürfen lustvoll, eitel, stark, unsicher und widersprüchlich sein.
Der Künstler weiß, dass diese Bilder für manche Menschen unbequem oder explizit wirken. Abschwächen will er sie deshalb nicht.
„Wenn ich eine Arbeit so lange verändere, bis niemand mehr daran Anstoß nimmt, ist sie vielleicht leichter zu konsumieren. Aber es ist nicht mehr meine Arbeit.“
Dabei interessiert ihn besonders ein Widerspruch: Der nackte männliche Körper gehört seit Jahrhunderten selbstverständlich zur Kunstgeschichte, solange er als Athlet, Gott, Heiliger oder allgemeines Schönheitsideal erscheint. Wird jedoch deutlich, dass ein Mann einen anderen Mann begehrt, wird derselbe Körper schnell als sexuell oder provokant wahrgenommen.
Seine Arbeiten wollen nicht beweisen, dass schwule Körper schön sein dürfen. Sie behandeln deren Schönheit und Begehren als selbstverständlich.
„Meine Kunst ist schwul. Nicht als Warnhinweis und nicht als Marketingkategorie. Es ist die Perspektive, aus der ich diese Körper und die Welt betrachte.“
Coming-out ist keine Pflicht
DRAW widerspricht der Vorstellung einer einfachen Heldengeschichte, in der ein Mensch Mut fasst, die Wahrheit sagt und danach automatisch ein authentisches und befreites Leben beginnt.
Ein Coming-out ist für ihn weder moralische Pflicht noch Beweis für besonderen Mut. Nicht jeder Mensch befindet sich in einer Situation, in der Sichtbarkeit sicher ist.
„Niemand schuldet der Welt ein Coming-out. Aber niemand sollte ein Leben führen müssen, das nur im Versteck funktioniert.“
Die Serie zeigt deshalb nicht in erster Linie, wie befreiend ein Coming-out sein kann. Sie erinnert daran, wie bedrohlich Wahrheit und Sichtbarkeit wirken können, solange die Reaktionen der anderen unbekannt sind.
Für ihn verwandelte die Reaktion seiner Familie die Angst schließlich in eine Erfahrung von Zugehörigkeit. DRAW bleibt jedoch bewusst einen Schritt davor stehen.
„Es ist einfach, Coming-out-Geschichten zu feiern, wenn man bereits weiß, dass sie gut ausgegangen sind. DRAW bleibt bei dem Moment, in dem noch niemand applaudiert.“
DRAW auf einen Blick
DRAW wurde 2026 veröffentlicht und besteht aus den drei zweifarbigen Linolschnitten Break, Contested und Reach. Sämtliche Arbeiten wurden von ihm von Hand geschnitten und ohne Druckpresse gedruckt.
Technik: Zweifarbiger Linolschnitt auf Papier
Papierformat: 70 × 100 cm
Motivformat: 60 × 80 cm
Edition: Jeweils zehn signierte und nummerierte Exemplare
Die Serie kann nach Vereinbarung im Atelier 147 in Zürich besichtigt werden. Derzeit ist keine öffentliche Ausstellung von DRAW angekündigt.
Homepage: egoandaluz.com
Instagram: @egoandaluz
Fotos: © ego andaluz








