Claudia Pagès Rabal Feudal Holes

mumok

Claudia Pagès Rabal (*1990 in Barcelona) ist bildende Künstlerin und Schriftstellerin. In ihren Videoinstallationen, Performances, Skulpturen und Zeichnungen bezieht sie sich häufig auf Themen wie die Geschichte der Iberischen Halbinsel, globale Migrationsbewegungen, territoriale Aneignung oder auf die kulturelle Vielfalt und Durchmischung der Mittelmeerregion. Vom Interesse an historischen Zusammenhängen geleitet, stellt sie Themen wie gesellschaftliche Hierarchien, strukturelle Machtverhältnisse und koloniale Gewalt zur Diskussion. Im mumok setzt Claudia Pagès Rabal eine langjährige Recherche über die Seidenstraße fort, das historische Netzwerk aus Handelsrouten, die von Zentral- und Ostasien über den arabischen Mittelmeerraum und Nordafrika führten und auf denen jahrhundertelang nicht nur Güter, sondern auch Kapital in Form von Wissen transportiert wurde.

Die Recherchen der Künstlerin bringen die Besucher*innen in der Ausstellung Feudal Holes in die sogenannte „Spanische Mark“. Damit wird das historische Grenzgebiet bezeichnet, das von den europäischen Karolingern im 9. Jahrhundert als Teil des Schutzwalls gegen das arabische al-Andalus errichtet wurde und von maurischen Einflüssen geprägt ist. Das Territorium galt als militärische Pufferzone zwischen dem heutigen Spanien und Frankreich. Seine Geschichte war identitätsbildend für die autonome Region Katalonien, in der die Künstlerin lebt. Jene Region der Iberischen Halbinsel mit historisch volatilen Territorialgrenzen, in der Muslime gleichermaßen unter christlicher wie Christen unter muslimischer Herrschaft standen und deren soziale Verstrickungen und Widersprüche bis herauf in die Gegenwart für das Kultur- und Geisteslebens Europas prägend sind.

Claudia Pagès Rabals Installation Feudal Holes ist eine Weiterentwicklung von Five Defence Towers, einer Ausstellung, die Anfang 2025 in der Londoner Chisenhale Gallery gezeigt wurde. Der begleitende Katalog – eine Koproduktion zwischen mumok und Chisenhale Gallery – dokumentiert beide Stationen. Ausgangspunkt in London war eine Recherche zu fünf historischen Wehrtürmen, die die Landschaft Kataloniens prägen. Diese Bauwerke zur (Selbst-)Verteidigung wurden errichtet, um das christliche Europa nördlich der Pyrenäen vor den muslimischen Arabern im Süden zu schützen. „Mich interessieren diese Türme, weil all die Geschichten, die sich um sie ranken, sehr vage sind. Es heißt, sie seien genutzt worden, um gegen die Sarazenen zu kämpfen und sich vor ihnen zu verteidigen. Doch bei genauerer Betrachtung sieht man, dass sie tatsächlich schon vor dieser Zeit gebaut wurden. Das bedeutet einen klaren Zusammenbruch der Narrative: Gehören die Türme den einen oder den anderen? Dienten sie vielleicht dazu, beide Seiten zu verteidigen?“, so Claudia Pagès Rabal zur Bedeutung der Wehrtürme. Während die Künstlerin für Five Defence Towers eine Art Theaterstück in fünf Akten entwickelte, das aus der Perspektive der Türme von der stillen Gewalt kolonialer Besiedlung und ihren Widersprüchen und Ambivalenzen erzählte, porträtiert sie in der Videoarbeit Feudal Holes die Überreste eines sechsten Turms. Mithilfe einer Drohne dringt sie in das Innere des Torre del Moro de Castellnou ein und macht Momente von Überwachung und Kontrolle an seiner architektonischen Form sichtbar. Der Widerspruch zwischen der Vertikale des Turms und seiner horizontalen Erscheinung auf digitalen Karten wie etwa Google Maps wird dabei zum inhaltlichen wie formalen Ankerpunkt.

„Feudal Holes sind Formen topografischer Kontrollstrategien“, so die Künstlerin über die gleichnamigen, eigens für die Ausstellung im mumok entwickelten Videoobjekte, „die die Betrachter*innen in einer Schleife gefangen halten. Ich glaube zwar nicht, dass wir in ein früheres Feudalsystem zurückkehren, aber wenn ich mir ansehe, was derzeit in der Welt geschieht, befinden wir uns in einem Loch der Gewalt, für das wir noch kein neues Wort gefunden haben. Beide Skulpturen zeigen, wie die Kamera in die Öffnung des Turms eindringt und wieder herauskommt. Das hat etwas Sexuelles, es ist gewaltsam und penetrativ, auf jeden Fall abstoßend.“ Die sich nach außen stülpenden Gebilde nehmen in ihrer Form Anleihe an mathematischen Figuren wie dem Möbiusband, einer Fläche, die optisch keine eindeutig definierte Innen- oder Außenseite hat. Die Bildträger der beiden Videoskulpturen, biegsame LED-Panels, die auf Metallstrukturen montiert sind, wölben sich nach außen und bilden Flächen mit einem die Landschaft ringsum verschlingenden Loch im Zentrum. Sie wachsen dabei aus dem Boden des Ausstellungsraums wie der Turm aus der ihn umgebenden Landschaft in der Nähe Barcelonas. Mit Feudal Holes konstruiert die Künstlerin „Bildmaschinen“ für unmögliche kartografische Darstellungsformen. Jedes dieser Objekte eröffnet einen eigenen Blick: Entweder verhindert ihre besondere Form, dass man den Grund des Lochs sehen kann, oder sie verwandelt das flache, kartenähnliche Bild in eine Art Raum oder Behausung.

Claudia Pagès Rabal geht es in der Ausstellung Feudal Holes nicht allein darum, historische und aktuelle Identitäten anzuerkennen, die aus einer europäischen Perspektive als fremd, unterschiedlich oder „anders“ konstruiert und marginalisiert werden. In ihrer künstlerischen Praxis richtet sie den Blick vor allem darauf, die Begrenztheit der Erkenntnisinstrumente und der eigenen Wissensproduktion sichtbar zu machen. Dabei hinterfragt sie auch die medialen Bedingungen, unter denen Wissen überhaupt hervorgebracht wird, und reflektiert die Apparate, die unsere Wahrnehmung und Deutung beeinflussen. Ihre Arbeit versteht sich als künstlerische Forschung über Landschaft als kulturell und sprachlich geprägter Erfahrungsraum. Es geht um das Überschreiten jener Grenzen, die unsere (historischen) Wissensgrundlagen und die darin eingeschriebenen (bis heute wirkenden) Machtverhältnisse bestimmen.

Kuratiert von Franz Thalmair

Claudia Pagès Rabal (geb. 1990, Barcelona) lebt und arbeitet in Barcelona. Ausgewählte Ausstellungen: 18. Istanbul Biennale, Istanbul, 2025; Aljub, Index – The Swedish Contemporary Art Foundation, Stockholm, 2025; Manifesta 15, Barcelona, 2024; Scene I. Making landscape, IVAM, Valencia, 2024; Typo-Topo-Time Aljibe, Sculpture Center, New York, 2023; Uno, CA2M, Madrid, 2023; Banditry, Fundació Joan Miró, Barcelona, 2023; Gerundi Circular, Tabakalera, Donostia, 2022; Some of It Falls from the Belt and Lands on the Walkway Beside the Conveyor, Vleeshal, Middelburg, 2022; Panorama, MACBA, Barcelona, 2022; Rats and Roaches, CAPC, Bordeaux, 2022; The Living House, Kunstverein Braunschweig, Braunschweig, 2021; March Meetings, Sharjah Art Foundation, UAE, 2018. Im Jahr 2020 veröffentlichte sie her hair bei Onomatopee, 2024 ihren ersten Roman Més de dues aigües bei Editorial Empúries, und 2025 erscheint ihr neues Buch bei Wendy’s Subway. Pagès Rabal wurde 2022 mit dem Ojo Crítico Visual Arts Award ausgezeichnet und war 2017 Artist in Residence bei Gasworks, London, und 2020 bei Triangle France, Marseille.

Unterstützung und Kooperationen Ausstellung

Feudal Holes wurde im Rahmen der Ausschreibung von „la Caixa“ Foundation Support for Creation’24. Production produziert. Mit Unterstützung von Hangar, Centro de Producción e Investigación Artística.

Katalog

Eine Publikation, die die Ausstellungen Five Defence Towers in London und Feudal Holes in Wien begleitet, wird von der Chisenhale Gallery in London und dem mumok in Wien herausgegeben. Mit freundlicher Unterstützung des Instituts Ramon Llull.

Claudia Pagès Rabal
Feudal Hole, 2025
Videostill, work in progress
Courtesy of the artist

Claudia Pagès Rabal
Agrimensura. Conscience, Water, 2025
Detail, work in progress
Aluminium lightbox, smoking rice paper, ink and watercolour pencils
Courtesy of the artist