Richard Hawkins: Potentialities

26. November 2025–6. April 2026

Die Kunsthalle Wien präsentiert eine große Werkschau von Richard Hawkins (geb. 1961, Mexia, Texas), die über 100 Gemälde, Collagen, Skulpturen und Videos aus neun verschiedenen Werkgruppen aus den letzten drei Jahrzehnten vereint. Es ist die erste institutionelle Ausstellung von Hawkins’ Werken seit über einem Jahrzehnt und die erste in Österreich.

Seit den 1990er-Jahren hat Hawkins eine einzigartige Praxis entwickelt, die auf der Lust am Betrachten und der Dynamik von Begehren basiert. Seine Arbeitsweise, die Collagen als Mittel zur Strukturierung und Entwicklung seiner Kompositionen nutzt, wurde vom Künstler als „promiskuitiv referenziell“ beschrieben: In seinen Werken zitiert er aus der Geschichte der künstlerischen Repräsentation in Skulptur, Malerei, Literatur und darstellender Kunst sowie in der Popkultur.

Die Ausstellung zieht Linien obsessiver Auseinandersetzung nach, die so unterschiedliche Themen umfassen wie griechische und römische Statuen oder Porträtaufnahmen japanischer männlicher Haarmodels. Hawkins’ fanatischer Ansatz erinnert dabei an die oft private Tätigkeit des Sortierens von Ephemera in Sammelalben. In jüngerer Zeit collagierte er Videomaterial, das auf Online-Subkulturen und im Internet geteilte Memes anspielt. Die Ausstellung gibt einen Überblick über einen Schaffenszeitraum, der mit akribisch kommentierten Kompositionen aus ausgeschnittenen und eingeklebten Bildern beginnt und über Keramikreliefs und Acrylgemälde bis hin zu Videos führt, die mit künstlicher Intelligenz bearbeitet wurden, um etwas zu erzeugen, das als „queere Exorzismen” beschrieben werden kann. Für diese Ausstellung produziert Hawkins aus Vergrößerungen seiner Bilder auch Tapeten, die es ihm ermöglichen, verschiedene Kapitel seiner Forschung zu überlagern und gegenüberzustellen.

Eine frühe Gemäldeserie interpretiert die biblische Geschichte von Salome neu, ein Thema unter anderem in Gemälden von Caravaggio, Artemisia Gentileschi und Tizian (neben vielen weiteren) sowie von Bühnenwerken von Oscar Wilde und Richard Strauss (dessen Oper ursprünglich in Wien verboten war). Hawkins erzählt sie neu als albtraumhafte Fabel über eine „Homo-Dystopie“, die vor dem Hintergrund eines Vergnügungsparks mit Bordell spielt, in dem abgetrennte Köpfe männliche Prostituierte heimsuchen, die um Kunden werben. Mehrere andere Kapitel der Ausstellung basieren auf Hawkins’ Studien über das Leben und die Obsessionen verschiedener Künstler, darunter der japanische Choreograf Tatsumi Hijikata, der französische Schriftsteller Antonin Artaud und der amerikanische Maler Forrest Bess.

Eine neuere Werkreihe zeigt Hollywood-Stars in dichten, farbenfrohen Gemälden. Hawkins kombiniert Schnappschüsse von Paparazzi mit Porträts von Schauspielern in historischen Kostümen und verwendet dabei auffällige Kragen oder eine übertriebene Darstellung von Haut, um ihre körperlosen Köpfe zu verankern. Einige Werke zeugen von einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Spätwerk des französischen Malers Pierre Bonnard und wechseln zwischen Porträts und Stillleben mit reich gedeckten Tischen voller Früchten. Hawkins greift Bonnards Farbgebung auf, um eine Gruppe von jungen Männern in fruchtbaren Landschaften voller Blütenwolken, Katzen und Schmetterlingen neu zu inszenieren.

Richard Hawkins: Potentialities wird in Kooperation mit der Kestner Gesellschaft, Hannover organisiert, wo die Ausstellung ab Ende April 2026 zu sehen sein wird.

Biografie

Richard Hawkins (geb. 1961, Mexia, Texas) hatte Einzelausstellungen in der Tate Liverpool (2014); Le Consortium, Dijon (2013); The Art Institute of Chicago; Hammer Museum, Los Angeles (beide 2010); De Appel Arts Centre, Amsterdam (2007) und Kunstverein Heilbronn (2003). Seine Werke wurden auch in Artists Space, New York (2023); Bonner Kunstverein (2019); Kunstinstituut Melly, Rotterdam (2014) und der 2012 Whitney Biennial, New York gezeigt. Hawkins’ Werke befinden sich in zahlreichen öffentlichen Sammlungen, darunter Art Institute of Chicago; Museum of Contemporary Art und Hammer Museum, Los Angeles; The Museum of Modern Art und Whitney Museum of American Art, New York; the Walker Art Center, Minneapolis; Tate Modern, London und Stedelijk Museum, Amsterdam. Im Jahr 2024 diente sein Werk als Inspiration für die Herbst-/Winterkollektion für Herrenmode des Designers J.W. Anderson für Loewe. Hawkins lebt und arbeitet in Los Angeles, wo er als Professor für Malerei und Zeichnen am ArtCenter College of Design in Pasadena tätig ist.

Publikation

Anlässlich der Ausstellung erscheint eine neue Publikation, die erste über Richard Hawkins seit über 15 Jahren. Sie enthält Essays von Rhea Anastas, Annie Ochmanek und Kristian Vistrup Madsen sowie ein Interview mit dem Künstler von Bruce Hainley.

Limitierte Edition

Die Ausstellung wird von einem Druck von Richard Hawkins in limitierter Auflage begleitet. Purple Melody Vienna (2025) reproduziert eine Version des Gemäldes Purple Melody von 2018, das auch in der Ausstellung zu sehen ist. In seinem Essay für den Ausstellungskatalog beschreibt Kristian Vistrup Madsen das Bild als „quasi-wissenschaftlich“ mit seinen „geordneten Rastern“ und zieht einen Vergleich zu Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne (1927–29). Er sieht darin „den Versuch eines Menschen, sich eine kohärente Weltanschauung zu verschaffen. Hier entsteht eine Karte der sich überschneidenden Beziehungen zwischen dem mächtigen Marmorkopf Apollos, den prächtigen Mähnen von Gitarristen, der besonderen männlichen Zierlichkeit in bestimmten japanischen Modefotografien sowie Arnold Böcklins Die Toteninsel (1883) – alles im selben Blickfeld“. Madsen erkennt eine „Melancholie“ in Hawkins’ „Bildgefügen“: „Selbst dort, wo das Raster der Bilder auf halbem Weg ins Stocken gerät […], erinnern wir uns an den Gott des Schweigens und der Geheimhaltung und sehen in dem grob aufgetragenen Lila nichts anderes als noch mehr Fleisch. Hawkins bestraft die schrecklichen Engel, indem er sie wie Fliegen in seinem Farbspinnennetz fängt und ihrer Flüchtigkeit eine Form verleiht; zugleich liebt er sie, indem er ihnen auf diese Weise einen Platz in der Architektur seiner Kunst einräumt.“

Über die Kunsthalle Wien

Kunsthalle Wien ist die zentrale Institution der Stadt Wien für zeitgenössische Kunst. An ihren Standorten im MuseumsQuartier und am Karlsplatz präsentiert sie alljährlich Ausstellungen sowie Veranstaltungs- und Vermittlungsformate für ein diverses Publikum. Wir geben Neuproduktionen in Auftrag und arbeiten mit lokalen wie internationalen Kunstschaffenden und Institutionen zusammen, um Ausstellungen und Publikationen auf der Grundlage von neuer Forschung zu entwickeln und somit Künstler*innen eine Plattform zu bieten. Mit unserer Arbeit möchten wir einen umfassenden Raum für Austausch und Diskussion bieten und den Diskurs über zeitgenössische Kunst in all ihren Formen fördern.

Kunsthalle Wien Museumsquartier
Museumsplatz 1, 1070 Wien
www.kunsthallewien.at

Öffnungszeiten:
Dienstag–Sonntag: 10:00–18:00
Donnerstag: 10:00–20:00

Richard Hawkins, Mystery Cult of Harpocrates, 2018

Richard Hawkins

Foto: © Laurence Ellis