Bücher & Rezensionen
Vier Minuten
Eine bunte Novelle über Liebe, Einsamkeit, zweite Chancen und den Mut, sich wieder einzulassen
„Vier Minuten – Eine bunte Novelle“ ist eine kurze, warmherzige und zugleich nachdenkliche Novelle über schwule Männer im höheren Lebensalter – und über die Frage, ob man sich nach einem langen Leben voller Erfahrungen noch einmal auf einen anderen Menschen einlassen kann.
Im Mittelpunkt steht Alfred, 65 Jahre alt. Er hat sich in seinem Alltag eingerichtet. Er kennt seine Routinen, seine Wohnung, seine Bücher und die Ruhe des Alleinseins. Eigentlich funktioniert sein Leben. Zumindest so lange, bis seine beste Freundin Ursula beschließt, dass „funktionieren“ nicht dasselbe ist wie „leben“.
Worum geht es?
Ursula meldet Alfred kurzerhand zu einem Speed-Dating für schwule Senioren im Café Mayr an. Was für Alfred zunächst wie eine Zumutung wirkt, wird zu einer Begegnung mit Menschen, die ihre ganz eigenen Geschichten, Verletzungen, Hoffnungen und Vorstellungen von Nähe mitbringen.
Die Geschichte erzählt dabei nicht nur von der Suche nach einem Partner. Sie erzählt von Freundschaft, Einsamkeit, Verlust, Humor, Mut und der Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Die Figuren begegnen sich nicht als stereotype „Senioren“, sondern als Menschen mit Vergangenheit, Wünschen und einer Gegenwart, die noch lange nicht vorbei ist.
Eine besondere Rolle spielt Ursula, die Alfred nicht bemitleidet und ihn auch nicht verändern möchte. Sie kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass manchmal ein kleiner Schubs genügt. Sie bringt ihre eigene Sicht auf Liebe, Entscheidungen und zweite Chancen ein.
Die zentralen Figuren
Alfred – 65, zurückhaltend, humorvoll und an sein Alleinsein gewöhnt. Hinter seiner scheinbaren Zufriedenheit steckt die Frage, ob er Nähe eigentlich vermisst.
Ursula – Alfreds beste Freundin. Direkt, loyal und mit einem untrüglichen Gespür dafür, wann Alfred sich selbst im Weg steht.
Leo – Eine Figur, die mit einer eigenen Trennungsgeschichte und emotionalem Gepäck in Alfreds Leben tritt. Seine Vergangenheit macht deutlich, wie schwer es sein kann, nach einer Verletzung wieder Vertrauen zu fassen.
Männer beim Speed-Dating – Teil des besonderen Mikrokosmos rund um das Speed-Dating. Mit ihren unterschiedlichen Charakteren sorgen sie für Humor, aber auch für Momente, in denen hinter der Fassade viel Einsamkeit sichtbar wird.
Warum Seniorendating?
Liebe und Dating werden in unserer Gesellschaft häufig mit Jugend verbunden. Ältere Menschen kommen in diesen Erzählungen deutlich seltener vor – schwule Senioren noch viel weniger. Genau diese Lücke hat mich interessiert.
Ich wollte eine Geschichte erzählen, in der ältere schwule Männer nicht auf ihre Vergangenheit reduziert werden. Sie dürfen verliebt sein, flirten, unsicher sein, eifersüchtig werden, lachen, scheitern und sich neu verlieben. Denn die Sehnsucht nach Nähe hat kein Ablaufdatum.
Warum ein 65-jähriger schwuler Mann?
Alfred ist bewusst 65. Dieses Alter steht für mich an einer interessanten Grenze: Viele Menschen beginnen in diesem Lebensabschnitt, ihr Leben neu zu betrachten. Berufliche Verpflichtungen verändern sich oder fallen weg, Kinder sind erwachsen, Beziehungen haben ihre Geschichte – und gleichzeitig entsteht Raum für die Frage: Was möchte ich eigentlich noch?
Bei einem schwulen Mann seiner Generation kommt eine weitere Ebene hinzu. Viele Männer, die heute 60 oder 70 sind, haben ihre Jugend und einen Teil ihres Erwachsenenlebens in einer Zeit erlebt, in der Homosexualität wesentlich stärker mit Scham, Heimlichkeit und gesellschaftlichem Druck verbunden war. Diese Generation trägt Erfahrungen mit sich, die jüngere Menschen oft nur noch aus Erzählungen kennen.
Die Entstehungsgeschichte
Die Idee zu „Vier Minuten – Eine bunte Novelle“ entstand aus der Überlegung, wie viel Leben in einem sehr kurzen Augenblick stecken kann. Ein Gespräch kann nur wenige Minuten dauern und trotzdem etwas in Bewegung bringen, das jahrelang stillgestanden hat.
Das Speed-Dating bot dafür den perfekten Rahmen: Menschen sitzen sich für wenige Minuten gegenüber, erzählen einander Ausschnitte aus ihrem Leben und müssen gleichzeitig entscheiden, ob sie mehr erfahren möchten. Diese künstlich begrenzte Zeit macht sichtbar, wie schnell Nähe entstehen kann – und wie viel Mut es braucht, sich überhaupt darauf einzulassen.
Was bedeutet der Titel „VIER MINUTEN“?
Vier Minuten sind objektiv kaum mehr als ein Augenblick. Für Alfred können sie jedoch reichen, um eine Begegnung zu erleben, die seine festgefahrenen Vorstellungen vom eigenen Leben ins Wanken bringt.
Der Titel steht deshalb nicht nur für das Speed-Dating. Er steht für die kleinen Momente, die wir oft unterschätzen – ein Blick, ein Satz, ein Lachen oder ein Gespräch, das länger nachwirkt, als es eigentlich gedauert hat.
Was möchte der Autor bei den Leserinnen und Lesern anstoßen?
Er wünschst sich, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre nicht nur über Alfred und die anderen Figuren nachdenken, sondern vielleicht auch über sich selbst. Über die Menschen, die man zu früh abgeschrieben hat. Über Chancen, die man nicht genutzt hat. Und darüber, ob es wirklich ein „zu spät“ gibt.
Gleichzeitig soll die Geschichte unterhalten. Sie darf humorvoll sein, manchmal leicht und manchmal emotional. Ihm war wichtig, dass das Buch nicht mit erhobenem Zeigefinger erzählt, sondern seine Themen über Figuren und Begegnungen sichtbar macht.
Der queere Blick auf das Älterwerden
„Vier Minuten – Eine bunte Novelle“ möchte ältere schwule Männer sichtbar machen – nicht als Randfiguren, sondern als Menschen, deren Liebesleben, Freundschaften und Wünsche genauso selbstverständlich Teil des Lebens sind wie bei jüngeren Menschen.
Dabei geht es mir nicht darum, eine bestimmte Lebensweise vorzuschreiben. Im Gegenteil: Die Figuren sind unterschiedlich. Manche suchen eine neue Partnerschaft, andere kämpfen mit vergangenen Beziehungen, wieder andere sind mit ihrem Alleinsein zufrieden – oder glauben zumindest, es zu sein.
Über den Autor
Franz Vadász wurde 1980 in Tirol geboren. In seinen Geschichten verbindet er Witz, Wärme und einen genauen Blick für Menschen und ihre kleinen, oft unscheinbaren Momente.
Er interessiert sich für Geschichten, in denen nicht unbedingt die großen Ereignisse das Entscheidende sind, sondern die kleinen Begegnungen, Entscheidungen und Wendepunkte, die ein Leben verändern können.
Mit „Vier Minuten – Eine bunte Novelle“ legt Franz Vadász seine erste Novelle vor. Als Autor möchte er Figuren schaffen, die nahbar wirken, Ecken und Kanten haben und den Leserinnen und Lesern auch nach dem Umblättern der letzten Seite noch ein Stück weit im Kopf bleiben.
„Nicht die großen Entscheidungen verändern unser Leben.
Sondern die kleinen Momente, die wir nicht kommen sehen.“
Franz Vadász
Fotos: © x




