Lifestyle

Mehr Glitzer. Mehr Mut. Mehr Patrisha.

Ein Gespräch über extravagante Mode, queere Sichtbarkeit und die Freiheit, den eigenen Weg zu gehen

XTRA!: Patrick, heute kennen dich viele als Patrisha. Wer bist du – und wo endet Patrick, wo beginnt Patrisha?

Patrisha: Eigentlich „endet“ und „beginnt“ es grundsätzlich nicht. Manche nennen mich Patrick, manche nennen mich Patrisha. Ich muss aber gestehen, dass Patrisha für Content wesentlich geeigneter ist.

XTRA!: War Patrisha von Anfang an als Kunstfigur geplant oder ist diese Persönlichkeit mit der Zeit entstanden? Gibt es Situationen, in denen Patrick und Patrisha miteinander verschmelzen?

Patrisha: Im Gaysquad, das ist unser queerer Freundeskreis, haben wir mal angefangen, uns mit weiblichen Namen anzusprechen. Wir fanden es total witzig und irgendwie ist das einfach geblieben. Viele meiner Freund:innen nennen mich Patrisha, oft stelle ich mich auch so vor. Für mich sind Patrick und Patrisha nicht zwei verschiedene Persönlichkeiten, wie wenn man beispielsweise an eine Drag-Persona denken würde. Ich bleibe ja immer noch ich, manchmal halt einfach ein bisschen fancier angezogen. Ich ziehe mich nicht für die Videos so an und versorge die Klamotten dann wieder im Schrank, ich spaziere mit den Looks in die große weite Welt hinaus und bin dabei immer noch ich selbst, weil ich Mode über alles liebe und mich auch so anziehen würde, wenn ich mich nicht filmte.

XTRA!: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast: „Jetzt gehe ich als Patrisha in die Öffentlichkeit“? Was hat dir damals am meisten Angst gemacht? Gab es einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab?

Patrisha: Viele fragen mich immer wieder, woher ich den Mut nehme, mit solchen Outfits rauszugehen. Und mit der Komfortzone ist da ja so ’ne Sache. Bin ich ab Tag 1 in Heels und einem gigantischen Tüllhaufen rausgedackelt? Nein, natürlich nicht. Ich habe mich Stück für Stück aus der Komfortzone herausgewagt und mir jedes Mal gesagt: Patrisha, dir gefällt es, also zieh es durch und vor allem zieh es an.

Angst vor Mode oder einem Look habe ich grundsätzlich nicht, Mode kennt keine Regeln und keine Grenzen. Was ich jedoch als bedenkliche Entwicklung betrachte, ist die zunehmende Aggression gegen queere Menschen. Ich werde regelmäßig für meine Mode verurteilt, mir wird vor die Füße gespuckt, mir werden Beleidigungen nachgerufen, mir werden Drohungen oder Schimpfwörter auf Social Media an den Kopf geworfen und ich frage mich immer: Warum? Ich habe diesen Menschen nichts getan, ich habe lediglich einen ausgefallenen Look angezogen und zwinge ja niemanden, mir das nachzutun …

XTRA!: Der Name „der/die/sein/er“ fällt sofort auf. Wie ist dieser Name entstanden und welche Botschaft steckt dahinter? Wolltest du damit bewusst provozieren oder vielmehr zum Nachdenken anregen?

Patrisha: Man soll sich ja nicht mit fremden Federn schmücken, darum gebe ich diese Credits jetzt mal an meinen Mann weiter. Als ich mir meine Modewelt am Aufbauen war, mussten wir uns zwangsläufig mal einen kecken Namen überlegen und mein süßes Baby kam dann mit diesem Vorschlag um die Ecke gedüst. Was uns am Wortspiel so gefällt: Es beschreibt zum einen, was ich bin: der Designer. Und dann spielt es auch noch mit verschiedenen Pronomen, so wie ich mit Gender in der Mode spiele. Vielen fällt das Wortspiel aber auch erst nach einer laaaaangen Zeit auf und viele dachten zuerst, es sei einfach eine Aneinanderreihung von Pronomen.

XTRA!: Deine Mode kennt keine klassischen Kategorien wie Damen- oder Herrenmode. Warum sind dir diese Grenzen zu eng? Wann hast du begonnen, Geschlechterrollen in der Mode zu hinterfragen? Glaubst du, dass Mode unsere Gesellschaft verändern kann?

Patrisha: Damen- und Herrenabteilungen habe ich schon lange hinterfragt. Klar, es gibt Unterschiede in Schnitten und Größen, aber wenn mir etwas aus der Damenabteilung gefällt, dann lasse ich mich nicht davon abhalten, dass das Stück an einer anderen Kleiderstange hängt. Damenabteilungen haben übrigens auch immer die viel größere Auswahl an Schnitten, Designs, Farben … Männermode mag ich auch sehr gerne, ich fühle mich einfach sehr schnell mal limitiert, da es dort ausgefallenere Stücke kaum gibt.

Ich denke mir, dass viele Menschen sich gerne expressiver kleiden möchten, sich aber aufgrund der möglichen Reaktionen des Umfelds nicht trauen. Schön wäre es doch, wenn sich mehr Menschen trauen würden und ein bisschen Extravaganz im Alltag zur Normalität werden könnte, was wiederum zu grundsätzlich mehr Akzeptanz führen würde.

XTRA!: Du entwirfst manche Kleidungsstücke selbst und fertigst diese in deinem Atelier an. Was bedeutet Handarbeit heute für dich – in einer Zeit der Massenproduktion? Gibt es ein Kleidungsstück, das deine Philosophie besonders gut widerspiegelt?

Patrisha: Handarbeit hatte für mich schon immer eine wichtige Rolle inne. Als Kind habe ich die Tage gezählt, bis ich wieder in die Handarbeit zum Gestalten durfte. Ich durfte mit meinen Omas nähen, stricken, häkeln und hab so Stunden um Stunden verbracht. Das dürfte wahrscheinlich auch der Grund sein, warum ich heute imstande bin, eine Birkin zu häkeln.

Ich stelle ja nicht jedes Kleidungsstück selber her, dafür fehlt mir schlicht die Zeit. Oft aber habe ich ein Design im Kopf und wenn ich dieses nirgends finden kann, greife ich eben selbst zur Schere – nun gut, zum Rollmesser – und schneidere es mir selbst.

Wenn ich jedoch zu einem Event eingeladen werde, habe ich schon den Anspruch an mich selbst, mit etwas Selbstdesigntem aufzukreuzen. Ich liebe es, mit einem Look zu überraschen und etwas zu zeigen, das es so bisher noch nicht gab. Wenn ich schon für Mode und Kreativität stehe, möchte ich schließlich auch liefern. 😉

XTRA!: Von Streetwear bis Haute Couture – dein Stil ist vielseitig. Woher nimmst du deine Inspiration? Gibt es Designer oder Künstler, die dich geprägt haben? Entsteht zuerst das Kleidungsstück oder die Geschichte dahinter?

Patrisha: Gute Frage, manchmal weiß ich selber nicht ganz, was mein Hirn da für Windungen macht. Mode, respektive Ästhetik, war für mich schon immer extrem wichtig. Ich habe viel darüber nachgedacht, was harmonisch aussieht oder was man verändern könnte, damit es mir gefällt. Das gilt nicht nur für Mode, sondern auch für Inneneinrichtungen, Zeichnungen, Gestaltungsarbeiten, Kunstobjekte und eigentlich alles, was mir im Alltag begegnet.

Natürlich schaue ich mir auch gerne an, was andere Designer und Künstler machen, aber ich könnte niemanden nennen, von dem ich sagen würde: Das ist die Person, die meinen Stil geprägt hat. Meine Inspiration entsteht viel häufiger aus irgendwelchen kleinen Dingen im Alltag. Manchmal sehe ich nur ein Detail und in meinem Hirn macht es klick und die nächste Idee ist geboren – ich bin also mehrfache Mutter!

Beispielsweise sehe ich Fransen an einer Tasche, die hübsch im Wind herumbambeln, und denke mir plötzlich: Mein Pride-Outfit könnte komplett aus Fransen bestehen, die beim Gehen um mich herumwirbeln. Besonders gerne lege ich auch mit Reststoffen los, aus denen ich sowieso nichts anderes mehr machen könnte. Da traue ich mich, einfach reinzuschneiden und direkt an meiner Schneiderpuppe abzuformen.

Ich brüte also lieber meine eigenen Ideen aus und schaue dann wie eine stolze Kükenmamma, wie sie schlüpfen.

Ob zuerst das Kleidungsstück oder die Geschichte dahinter entsteht, ist schwierig zu beantworten. Manche Events haben ein Überthema, was ich liiiiebe, denn da wird’s besonders kreativ. Beispielsweise war ich am Kweerball mit dem Thema „Art“. Ich habe mir mein glatziges Köpfchen zerbrochen und hatte dann die Idee, einfach selbst als Kunstwerk zu gehen. Also baute ich aus Rohren ein Gestell, zog eine Hülle darüber, bemalte sie – und schlüpfte hinein. Die lustigste Nacht ever!

XTRA!: Viele Menschen sehen auf Social Media die schillernde Patrisha. Wie viel davon ist Inszenierung und wie viel bist einfach du selbst? Gibt es Seiten von Patrick, die du bewusst nicht öffentlich zeigst?

Patrisha: Wie gesagt, was ich anziehe, führe ich tatsächlich auch aus. Ich ziehe mich so an, ob ich das nun filme oder nicht. Ich fühle mich in meinen Videos so wohl, da ich immer ich selbst bleiben kann. Ein häufiges Kompliment von Follower:innen ist, dass sie mich als sehr authentisch wahrnehmen. Ich kann als Content Creator ja steuern, was ich mit der Öffentlichkeit teile und was für mich privat ist. Die Kunst dabei ist wohl, Content zu erstellen, der zwar persönlich, aber nicht privat ist. Ich bleibe also ich und das gefällt mir.

XTRA!: Dein Instagram-Kanal erreicht inzwischen viele Tausend Menschen. Wann hast du gemerkt, dass aus einem persönlichen Projekt eine öffentliche Marke geworden ist? Hat dich dieser Erfolg überrascht? Hat Bekanntheit auch Schattenseiten?

Patrisha: Überrascht bin ich jedes Mal wieder, wenn mich jemand auf der Straße mit „Hi, Patrisha!“ anspricht und mit mir über schöne Täschli redet. Es ist total schön zu sehen, wie viele Menschen ich erreiche, wie vielen ich Mut geben kann und wie viele sich aufgrund meines Contents mehr trauen. Meine Schnuggis, haut weiterhin auf den Putz und zieht an, worauf ihr Lust habt – rockt das Outfit!

Den einen Moment, in dem aus meinem persönlichen Projekt plötzlich eine öffentliche Marke wurde, gab es für mich eigentlich nicht. Mein Instagram-Kanal beinhaltet mittlerweile mehrere Jahre Knochenarbeit, das ist nicht über Nacht entstanden. Die Kunst ist ja, etwas Schwieriges einfach aussehen zu lassen.

Aaaaalso: Als ich zum ersten Mal vor der Kamera stand und auf „Aufnahme“ drückte, kam ich mir zuerst auch mal ein bissl verloren vor, wie ich da ins Leere hineinspreche. Man macht einen Witz und niemand lacht … außer vielleicht ich selbst. Angefangen hat es damit, dass mir jemand gesagt hat, ich solle doch mal darüber berichten, was ich über Mode denke, da ich mich ja schon lange und intensiv damit beschäftigt habe. Also habe ich meine Bäckchen zusammengekniffen, mich vor die Kamera gestellt – und das immer und immer wieder.

Als Content Creator kann ich mich heute nicht einfach auf meinem „schillernden Account“ ausruhen. Es bedeutet, sich zu schminken, das Licht abzuwägen und den geeigneten Winkel herauszufinden. Es bedeutet, sich ein Outfit auszudenken, eine Geschichte dazu zu überlegen, sich aufzunehmen und das Video zu schneiden. Es bedeutet, rauszugehen, an einem geeigneten Ort das Stativ aufzubauen und den Look einzufangen.

Und es bedeutet auch, weiterzumachen, wenn mein Post von queerfeindlichen Menschen gemeldet wird. Nicht aufzugeben, wenn ich zum x-ten Mal Hasskommentare entfernen muss. Denn was ich tue, hat für mich eine Bedeutung: Ich traue mich, meine Queerness sichtbar zu machen und kann damit andere ermutigen. Ich hoffe, mit meinen wertschätzenden Posts neben all der Mode und dem Glitzer auch ein bisschen Nettigkeit in den Alltag bringen zu können.

XTRA!: Du bekommst viel Zuspruch, aber auch Hass und Anfeindungen. Welche Begegnung hat dich am meisten verletzt – und welche am meisten berührt? Wie schützt du dich davor, dass negative Kommentare nicht dein Selbstwertgefühl bestimmen?

Patrisha: Leider verlieren manche Menschen online ihren Anstand und schreiben von anonymen Profilen aus ihre Hasskommentare. Da ich leider oft die Gelegenheit zum Üben hatte, bin ich diesbezüglich ganz unterschiedlich vorgegangen.

Fragend: Warum denkst du, dass ich nicht mit einem Mann verheiratet sein kann? Die Antworten darauf führen alle an den gleichen Ort, nämlich ins Nirgendwo. Diese Menschen geben mir dann eine Antwort mit null Argumenten, höchstens bekomme ich noch ein Bibelzitat um die Ohren gehauen. Solche kargen Argumente könnten wir ab sofort als Kargument bezeichnen. Ich frag mal den Duden an.

Meldend: Ich melde den Kommentar, ernüchternderweise passiert da oft gar nichts. Selbst bei einer Drohung bekam ich schon die Rückmeldung, dass der Kommentar nicht gegen die Richtlinien verstoße und ich das Profil stattdessen blockieren könne. Da frage ich mich dann schon: Was genau muss eigentlich passieren, damit etwas gegen die Richtlinien verstößt – muss erst jemand mit der Mistgabel vor meiner Haustür stehen? Lustigerweise macht mich diese Tatenlosigkeit manchmal noch wütender als der ursprüngliche Kommentar.

Blockierend: Ich habe angefangen, jeden Account zu blockieren, der diskriminierende oder beleidigende Aussagen austeilt, und habe meinen Frieden damit gefunden. Natürlich dürfen Leute ihre Meinung in meinen Kommentaren frei äußern und auch sagen, dass ihnen ein Look nicht gefällt, ist ja total okay. Solange sie von ihren Empfindungen schreiben und anständig bleiben.

Ignorierend: Falls mir im „echten Leben“ jemand etwas nachschreit, ignoriere ich dies in der Regel. Denn meistens kommt dies von einer aggressiven Gruppe von Männern und was genau kann ich in diesem Moment sagen, was die Situation bessert und nicht in einem Intensivstationsaufenthalt endet?

Verletzen tun mich die Kommentare also nicht wirklich, ich lasse sie gar nicht an mich herankommen. Ich blockiere sie, hake ab und mache weiter. Was einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, ist die Tatenlosigkeit bei Meldungen und die Diskriminierung im „echten Leben“. Die können ihre Beleidigungen heraushauen, aber ich soll immer schön brav den Mund zumachen?

Jedenfalls mache ich trotz allem mit meinem Content weiter, denn schlussendlich kann ich damit so viele Menschen inspirieren. Und diskriminierendes Gedankengut? Das lasse ich – entgegen der bekannten Redewendung – ganz weit rechts liegen.

XTRA!: Du hast einmal gesagt, dass du anderen queeren Menschen Mut machen möchtest. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass dir das tatsächlich gelingt? Gibt es Nachrichten oder Begegnungen, die du nie vergessen wirst? Trägst du dadurch manchmal auch eine Verantwortung?

Patrisha: Follower:innen sprechen mich auf der Straße an, schicken mir online ihre Looks und erzählen mir, dass sie mich als Vorbild genommen haben, was ich so berührend und schön finde. Ich kann mich nicht mehr an das erste Mal erinnern, also nicht an dieses erste Mal, sondern … ähm ja, genau. Ein kleines Aha-Erlebnis hatte ich bei einer CSD-Parade in Berlin, als beim Umzug die Menschen teilweise auch von ihren Trucks ausgestiegen sind, um rasch auf eine Umarmung vorbeizukommen. Verantwortung verspüre ich tatsächlich eine große, ich könnte mir niemals vorstellen, nun einfach damit aufzuhören …

XTRA!: Wie gehst du mit dem Spannungsfeld zwischen öffentlicher Figur und Privatmensch um? Wo ziehst du bewusst Grenzen? Wie wichtig sind Rückzugsorte für dich?

Patrisha: Ich glaube, genau darin liegt eine wichtige Kunst beim Content-Erstellen: persönlich zu sein, ohne alles privat zu machen. Ich teile sehr viel von mir, aber ich entscheide bewusst, was davon öffentlich wird. Nur weil Menschen mich täglich auf ihrem Bildschirm sehen, bedeutet das ja nicht automatisch, dass jeder Bereich meines Lebens öffentlich sein muss.

Ich überlege mir deshalb sehr gut, was ich erzähle, was ich poste und wie viel ich beispielsweise von meinem Zuhause zeige. Und ich finde es schön, dass es neben Patrisha auf Social Media auch immer noch ein Leben gibt, bei dem nicht permanent irgendwo eine Kamera mitläuft.

XTRA!: Patrisha steht für Mut und Selbstbestimmung. Gibt es trotzdem Momente, in denen auch Patrisha unsicher ist? Wer fängt dich auf, wenn es dir einmal nicht gut geht?

Patrisha: Ich habe das Glück, mit mir zufrieden und im Reinen zu sein. Unsicherheiten löst wohl eher das Wetter in mir aus: Werde ich in diesem Tüllhaufen bei 35 Grad dahinschmelzen? Schaffe ich zwei Kilometer Parade in diesen krassen Heels?

Natürlich gibt es aber auch Momente, in denen es mir nicht gut geht. Dann habe ich das große Glück, Menschen um mich zu haben, die mich auffangen – allen voran meinen Mann und meinen engen Freundeskreis.

Eine andere Art von Unsicherheit beschäftigt mich leider zunehmend: Wenn ich weiß, dass eine Gegend für sichtbar queere Menschen nicht besonders sicher ist, nehme ich lieber ein Uber von Tür zu Tür. Dass man sich solche Gedanken überhaupt machen muss, finde ich traurig.

XTRA!: Wenn du heute einem Menschen begegnest, der sich wegen seines Aussehens oder seiner Identität nicht traut, sichtbar zu sein – was würdest du ihm sagen?

Patrisha: Schnuggi, jetzt hörst du mal zu! Schmeiß dir einen geilen Look über und los geht die Party!

Nein, im Ernst: Ich hatte zum Glück nie große Selbstzweifel bezüglich meines Aussehens oder meiner Identität und möchte deshalb auch gar nicht so tun, als könnte ich genau nachempfinden, wie sich das für andere Menschen anfühlt. Was ich aber kenne, ist dieses Gefühl, sich erst einmal etwas trauen zu müssen. Bin ich von Tag eins in Heels und einem gigantischen Tüllhaufen rausgedackelt? Nein. Ich habe mich Stück für Stück aus meiner Komfortzone herausgewagt und bin daran gewachsen.

Vielleicht ist genau das mein Rat: Auch wenn die Schrittchen noch so klein sind – Hauptsache, es sind deine eigenen. Die Heels dürfen dafür umso größer sein. 😉

XTRA!: Was war bislang der emotionalste Moment deiner Karriere? Ein besonderer Auftritt? Eine Begegnung? Ein Kleidungsstück mit einer außergewöhnlichen Geschichte?

Patrisha: Da fällt mir spontan natürlich gleich mein kürzlicher Auftritt im Rahmen der Zürcher Pride ein. Ich durfte mein selbst geschriebenes queeres Märchen „Ali im Wunderland“ vor einem Publikum präsentieren – eine Geschichte über Farben, Schönheit, Selbstfindung und Akzeptanz.

Das war für mich ein besonderer Moment, weil da plötzlich Menschen vor mir saßen und einer Geschichte zuhörten, die zuvor nur als Idee in meinem Kopf existiert hatte. Zu erleben, dass etwas so Persönliches und Selbstgeschaffenes Menschen berührt und gleichzeitig eine Botschaft transportiert, die mir wichtig ist, war schon ziemlich emotional.

Und natürlich könnt ihr das Märchen auf meinen sozialen Kanälen mit glänzigen Äuglein und einem „Wow!“ auf den Lippen anschmachten.

XTRA!: Welche Vision hast du für deine Marke „der/die/sein/er“? Soll daraus einmal ein internationales Label werden? Welche Ziele möchtest du in den nächsten fünf Jahren erreichen?

Patrisha: Lange dachte ich, dass ich vor allem Mode designen und verkaufen möchte. Ich denke, das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Ich habe gemerkt, dass ich mit meinem Content mehr als „nur“ Mode machen kann. Mittlerweile gefällt mir die Arbeit als Content Creator sogar viel besser, weil ich damit Menschen erreichen, unterhalten und inspirieren kann.

Natürlich werde ich weiterhin Mode entwerfen und meine kreativen Ideen umsetzen – dafür liebe ich das Ganze viel zu sehr. Aber mein großes Ziel ist heute nicht mehr unbedingt, aus „der/die/sein/er“ ein internationales Modelabel zu machen. Ich möchte mich kreativ weiterentwickeln, größere Projekte umsetzen, mit spannenden Menschen und Marken zusammenarbeiten und schauen, welche Türen sich dadurch noch öffnen.

Wo ich in fünf Jahren genau stehe? Keine Ahnung. Vielleicht kennt mich bis dahin die ganze Welt und ich habe endlich die Weltherrschaft an mich gerissen. Man muss sich schließlich realistische Ziele setzen.

XTRA!: Wenn du auf deinen bisherigen Weg zurückblickst – worauf bist du heute am meisten stolz? Gibt es etwas, das du deinem jüngeren Ich gerne früher gesagt hättest?

Patrisha: Die unterschiedlichsten Menschen schreiben mir auf Social Media, sprechen mich auf der Straße an und teilen mir mit, dass meine Videos sie inspirieren, mutiger zu sein, das Oberteil zu tragen, das schon lange im Schrank hängt und auf seinen Auftritt wartet, Make-up zu tragen, die Glitzerschühchen rauszuholen und einfach ein bisschen mutiger zu sein. Das erfüllt mich mit Stolz und mit der Zuversicht, dass die Botschaft meiner Videos ankommt: Sei, wer du sein möchtest, zieh an, was du möchtest und lieb die Person, die du möchtest.

Und meinem jüngeren Ich? Dem würde ich eigentlich gar nicht so wahnsinnig viel sagen wollen. Vielleicht einfach: Mach genauso weiter. Probier dich aus, sei neugierig und lass dir von niemandem einreden, dass du weniger sein sollst, nur damit du besser irgendwo hineinpasst. Du hast noch keine Ahnung, was für verrückte Dinge du einmal machen wirst.

Ach ja – und lern weiterhin schön fleißig häkeln. Das wirst du noch brauchen.

XTRA!: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Wenn Menschen in zwanzig Jahren an Patrisha denken – woran sollen sie sich erinnern? An die Mode? An den Mut? An die Botschaft? Oder einfach daran, dass du Menschen gezeigt hast, sie selbst zu sein?

Patrisha: Ob heute oder in zwanzig Jahren: Es isch Täschli-Zyt!!! 😉

XTRA!: Vielen Dank für das großartige Interview mit dir. Wir freuen uns sehr, dass du uns einen so persönlichen Einblick in die Welt von Patrisha gegeben hast.

Fotos: © Patrisha